Campmeeting
Diese Seite wurde ursprünglich für die Chormitglieder erstellt. Da die Seite interessante Informationen über Campmeetings bietet, die sonst in deutscher Sprache nicht und in Englisch nur weit verstreut zu finden sind, haben wir uns entschlossen, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
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| Abb. 1: Campmeeting um 1849 |
Was sind Campmeetings?
Campmeetings (auch Camp-Meetings oder Camp Meetings; deutsch: Lagertreffen, Lagerversammlungen) sind mehrtägige original US-amerikanische religiöse Versammlungen, ursprünglich in Zeltlagern. Ihr Zweck ist die Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus ("Evangelisation") und die Stärkung der Gläubigen. Sie sind bekannt ab etwa 1800 und prägten entscheidend die Zweite Große Erweckung in Nordamerika sowie die religiöse, politische und musikalische Szene. Die Teilnehmenden — meist etwa zwischen 5 000 und 10 000, seltener etwa 25 000 — schliefen in den ersten Jahrzehnten in Zelten, Planwagen und anderen kurzfristig zu schaffenden Übernachtungsmöglichkeiten. Tagsüber gab es Gottesdienste mit Predigten, Gebet und Gesang. Viele Campmeetings waren (und sind heute noch) ökumenisch, d. h. Prediger mehrerer christlicher Religionsgemeinschaften wirkten zusammen und wandten sich an eine ökumenische Gemeinde. Die Campmeetings fanden in der Regel jährlich statt, meist nachdem die Ernte der Bauern eingefahren war. Neben der Evangelisation, die zweifellos die Hauptsache war, gab es Gelegenheit, Freunde zu treffen, Neuigkeiten auszutauschen, Pferderennen zu veranstalten, auf Brautschau zu gehen, Handel zu treiben und zu vielem mehr.
Typischer Tagesablauf
John Berry McFerrin (1807-1887), ein Prediger in Tennessee und Alabama, beschrieb den Tagesablauf so: Bei Tagesanbruch weckte eine Trompete das Lager. Ein zweites Blasen war das Signal für privates Gebet. Beim dritten Trompetensignal versammelten sich alle zum öffentlichen Gebet. Dann wurde gefrühstückt. Um 8 Uhr, 11 Uhr und 15 Uhr sowie bei Anbruch der Abenddämmerung gab es Predigt mit Ermahnung, gefolgt von einem Gebetstreffen mit denjenigen, die sich bekehrten. Die Leute erwarteten lebendiges Predigen. Und nach den Predigten sollte der zweite Mann oder Ermahner das Thema anwenden und die Gemeinde zum Handeln bewegen. Vorsänger leiteten das Singen, und die ganze große Menge stimmte mit in das Lied ein.
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| Abb. 2: Campmeeting-Szene des 19. Jahrhunderts |
Verkündigte Inhalte
Die Verkündigung auf den Campmeetings zielte meist klar auf Bekehrung. Die dringlich vorgetragene Botschaft lautete: "Heute ist der Tag des Heils." Hauptsächlich wurde folgendes verkündigt:
- Gottes Liebe für alle
- Reue/Buße
- Rechtfertigung durch den Glauben
- Wiedergeburt durch die Macht des Heiligen Geistes
- das Zeugnis des Geistes
Gefühle
Gefühlsausbrüche wie Stöhnen, Weinen, Lachen, Ohnmächtig-Werden, Schreien und laut singendes Tanzen waren auf Campmeetings bis etwa 1820 besonders im ländlichen Raum keine Seltenheit. Auch wenn es "hochkochende" Religiosität, wie wir sie uns heutzutage kaum vorstellen können, auch bei anderen gab, war sie im Amerika jener Zeit geradezu ein methodistisches Markenzeichen.
Die meisten heutigen Methodisten und anderen Christen würden sich heute in so einer Umgebung wahrscheinlich sehr unwohl fühlen und den Ort schnell verlassen. Aber es war eine andere Zeit.
Persönlichkeiten
- Francis Asbury (1745-1816): gehörte zu den ersten beiden Bischöfen der Methodist Episcopal Church (Bischöfliche Methodistenkirche, eine der Vorgängerinnen der Evang.-meth. Kirche) und förderte die Campmeetings, indem er ihre Abhaltung empfahl, nachdem er sie kennengelernt hatte.
- Valentine Cook (1765-1820): war einer der erfolgreichsten Kanzelredner seiner Zeit; scheint den Aufruf an die sich Bekehrenden, nach vorne zu kommen, eingeführt zu haben.
- Lorenzo Dow (1777-1834): war ein eifriger und erfolgreicher Laienprediger (oft sechs oder sieben Predigten je Tag), der weit und lange reiste; predigte zu den Sklaven; erwarb sich den Spitznamen "Crazy Dow" wegen seiner außergewöhnlichen Kleidung und seiner unkonventionellen Lebensweise.
- Harry Hoosier (oder Hosier; bekannt als Black Harry; ca. 1750-ca. 1806): war berühmter und sehr überzeugender Laienprediger seiner Zeit, obwohl Analphabet; begleitete Asbury und andere bekannte methodistische Geistliche bei Rundreisen; über seine letzten Jahre ist kaum etwas bekannt, es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass er in seinen letzten Lebensjahren auf Campmeetings predigte
- Michael Long: predigte so laut, dass seine Stimme, unterstützt durch den Wind, in viereinhalb Kilometer Entfernung gehört werden konnte — ohne Verstärkung!
- Phebe Worrall Palmer (1807-1874): war eine methodistische Laiin, Evangelistin, Autorin, Herausgeberin und Sozialreformerin; evangelisierte in über 300 Campmeetings und Erweckungskampagnen in den USA, in Kanada und England.
- Nicholas Snethen (1769-1845): war einer der erfolgreichsten Kanzelredner seiner Zeit; organisierte 1803 das erste Campmeeting, das je in Maryland stattfand; war einmal nach 40minütigem Predigen so von den eigenen Gefühlen überwältigt, dass ein Anderer die Predigt fortsetzte.
- John Stewart (?-1823): kam um 1815 als selbsttötungsgefährdeter Alkoholiker auf einem Campmeeting in Ohio zum Glauben; evangelisierte als erster Methodist längere Zeit und sehr erfolgreich unter nordamerikanischen Ureinwohnern (Indianern).
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| Abb. 3:
Camp-Schild an der US 276 nahe Greenville, South Carolina Foto: Reinhold Parrinello, 2002 |
Bedeutung für den Methodismus
Für viele Methodisten war das Campmeeting der Höhepunkt ihres Jahres. Den Methodisten sagt man nach, sie hätten die Campmeetings zur Blüte gebracht. Bischof Francis Asbury und Superintendenten jener Zeit terminierten Jährliche Konferenzen und Bezirkskonferenzen so, dass Geistliche und Laien an Campmeetings teilnehmen und von deren Spiritualität profitieren konnten.
Campmeetings waren Anfang des 19. Jahrhunderts ein Massenphänomen: Um 1813 nahmen jährlich etwa 1 Mio. US-Amerikaner (etwa jeder achte) an einem methodistischen Campmeeting teil. Der Methodismus profitierte zahlenmäßig von den Campmeetings sehr stark: 1800 gab es in den USA 65 000 Methodisten, 1860 waren es 1,744 Mio. (nur "Methodist Episcopal Church" und "Methodist Episcopal Church, South", also ohne z. B. die methodistischen Kirchen der Afro-Amerikaner). Der Anteil von Methodisten an der gesamten US-Bevölkerung stieg in diesem Zeitraum von 1,2 % auf 5,5 %, wobei die US-Bevölkerung von 5,3 Mio. auf 31,5 Mio. wuchs.
Interessant ist vielleicht, dass es neben Campmeetings mit hauptsächlicher Teilnahme von Menschen europäischer Herkunft auch methodistische Campmeetings gab, an denen vorwiegend oder ausschließlich Afro-Amerikaner oder Indianer teilnahmen. Beispielsweise wurden 1829 unter den Cherokee-Indianern mindestens drei Campmeetings abgehalten, wie John B. McFerrin in einem Brief berichtet. Hier wird deutlich, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft erreicht wurden, aber Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft gemacht wurden.
Noch heute gibt es an verschiedenen Orten jährliche Campmeetings. Meist gibt es ein Gebäude für die Versammlungen und auch feste Unterkünfte für die Teilnehmenden. Die Zentrale des Weltrats methodistischer Kirchen befindet sich an einem Ort, an dem dauerhafte Gebäude für Campmeetings — und inzwischen viele weitere kirchliche Gebäude — geschaffen wurden: Lake Junaluska, North Carolina.
Literatur
deutschsprachig
- Karl Steckel, C. Ernst Sommer (Hrsg.): Geschichte der Evangelisch-methodistischen Kirche. Christliches Verlagshaus. Stuttgart 1982. ISBN 3-7675-7496-9 (Erwähnung: S. 31)
- Patrick Streiff: Der Methodismus in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 50 der EmK-Geschichte-Monografien. Medienwerk der Evangelisch-methodistischen Kirche. o. O. 2003. ISBN 3-89725-029-2 (Kurzbeschreibung: S. 37)
englischsprachig
- Paul F. Gillespie und seine Schüler (Hrsg.): Foxfire 7. Anchor Books. New York 1982. ISBN 0-385-15244-2 (S. 175-177+265-279)
- John H. Wigger: Taking Heaven by Storm. Methodism and the Rise of Popular Christianity in America. University of Illinois Press. Chicago 1998. ISBN 0-252-06994-3
- Kenneth C. Kinghorn: The Heritage of American Methodism. Édition du Signe. Strasbourg 1999. ISBN 2-87718-870-1 (S. 155-161)
- Russell E. Richey, Kenneth E. Rowe, Jean Miller Schmidt (Hrsg.): The Methodist Experience in America. A Sourcebook. Volume II. Abingdon Press. Nashville 2000. ISBN 0-687-24673-3 (Cherokee Converts in North Carolina Hold Camp Meeting: S. 216f)
- Mark A. Noll: America's God. From Jonathan Edwards to Abraham Lincoln. Oxford University Press. New York 2002. ISBN 0-19-515111-9 (statistische Daten: S. 162-169)
Externe Web-Links (teils weiterführend)
- Evangelisch-methodistische Kirche: Von den Anfängen bis heute (Kurzabriss)
- Revivals and Camp Meetings
- Explanation of the Symphony No. 3: "The Camp Meeting" (von Charles Ives)
Quertöne – ein Musical-Chor